Erst vor Kurzem wieder Fuss gefasst
Aufgrund des zunehmenden Jagddrucks und der sehr rauen klimatischen Bedingungen der letzten Jahrzehnte wäre der Rothirsch Mitte des 19. Jahrhunderts wahrscheinlich aus der Schweiz verschwunden. Doch dank der sich entwickelnden Jagdgesetzgebung gelang es einigen Hirschen, die Berge der Ostschweiz wieder zu besiedeln. Eine Entwicklung, die bis heute anhält: Der Naturpark Chasseral ist eines der letzten Gebiete des Landes, in die der «König des Waldes» zurückgekehrt ist. Seit rund 10 bis 15 Jahren mehren sich die Anzeichen für seine Präsenz in bestimmten Waldgebieten, die vor Störungen durch den Menschen gut geschützt sind: Hier und da findet man seinen Kot, einige Bäume weisen Frassspuren an der Rinde auf und junge Bäume sind in etwa 150 cm Höhe abgebrochen ...
Die Hirsche stammen vor allem aus dem westlichen Jura, wo es grosse Populationen gibt. Daher sind die westlichen Teile des Parks schon etwas länger besiedelt als die übrigen Gebirgsmassive. Männliche Tiere dringen als erstes in neue Reviere vor, doch seit einigen Jahren werden auch Hirschkühe gesichtet – und möglicherweise pflanzen sich die Tiere sogar bereits fort.
Schwergewichte
Die Männchen können bis zu einer Vierteltonne wiegen. Der Hirsch ist somit der grösste Pflanzenfresser der Schweiz. Von den anderen hier beheimateten Säugetieren bringen höchstens die dicksten Bären noch mehr auf die Waage. Die Hirschkuh ist kleiner und wiegt höchstens 150 Kilogramm.
Der Hirsch ernährt sich hauptsächlich von Kräutern und Gräsern. Je nach Jahreszeit passt er seine Ernährung jedoch selbstverständlich an die in seinem Lebensraum verfügbaren Nahrungsquellen an. So können beispielsweise Farne, Flechten, Moose oder auch Teile von Bäumen seinen Speiseplan ergänzen.
Das Geweih der männlichen Tiere besteht aus Knochen. Es wird jedes Jahr am Ende des Winters abgeworfen und wächst anschliessend neu nach. Im Laufe der Jahre wird es immer imposanter und verzweigter. Die grössten Exemplare sind als Jagdtrophäen sehr begehrt. Im Herbst ist das Geweih wieder ganz frisch und bereit für das Spektakel, für das der Hirsch bekannt ist: das Röhren in der Brunftzeit.
Spektakuäre Versammlungen
Die Paarungszeit der Hirsche ist spektakulär – vor allem aufgrund der lauten Geräuschkulisse. Gegen Ende September versammeln sich die Hirsche in bestimmten, traditionellen Gebieten zur Brunft – dann röhren sie wieder. Vor allem zu Beginn und am Ende der Nacht sind die langgezogenen, kehligen Rufe der Männchen, mit denen sie ihre Präsenz gegenüber den Konkurrenten bekräftigen wollen, weithin zu hören. Manchmal kommt es sogar zu körperlichen Auseinandersetzungen. Die kräftigsten Hirsche schaffen es schliesslich, sich mit zahlreichen Weibchen zu paaren.
Im Naturpark Chasseral ist man noch weit davon entfernt, solche Versammlungen beobachten zu können – anders als beispielsweise im Nationalpark in Graubünden. Doch an manchen Abenden kann man in bestimmten Gebieten unseres Parks bereits das Röhren hören.
Etwa 34 Wochen nach der Paarung, also im Mai und Juni, kommen die Kitze zur Welt. Das Kitz (selten werden zwei geboren) wird etwa sechs Monate lang gesäugt. In der Regel bleiben die Mütter mit ihren Jungen zusammen, manchmal auch mit dem Jungtier aus dem Vorjahr. Oft schliessen sie sich Herden an, die aus mehreren solcher kleinen Familien bestehen. Die männlichen Jungtiere verlassen die Gruppe im Alter von ein oder zwei Jahren und schliessen sich meist einer Herde an, die aus anderen männlichen Tieren besteht.
Ruhebedürfnis
Der Hirsch zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit aus. Während er in eher abgelegenen Gebieten auch tagsüber aktiv sein kann, verlagert er seine Aktivitäten in die Nacht, wenn er tagsüber von Menschen gestört wird. Ruhe ist für diese Tiere unerlässlich. Die allgemeinen Empfehlungen zum respektvollen Umgang mit Wildtieren sind daher sehr wichtig, damit wir diesen Neuankömmling gut aufnehmen können: Bleiben Sie auf den markierten Wegen und respektieren Sie Schutzgebiete wie Naturschutzgebiete und Ruhezonen für Wildtiere. Besonders in der Brunftzeit und im Winter ist dies extrem wichtig.
Eine erfreuliche Rückkehr, die aber beobachtet werden muss
Als Symbol für eine unberührte Natur ist die Rückkehr des Hirsches eine gute Nachricht für die Artenvielfalt. Doch seine Rückkehr kann auf bestimmte Funktionen des Waldes auch einen erheblichen Druck ausüben: Junge Ahornbäume können beispielsweise stark unter Verbiss leiden, was die Verjüngung des Waldes erschwert. Zudem schätzt der Hirsch die Rinde bestimmter Baumarten, insbesondere junger Fichten, die aufgrund wiederkehrender Dürreperioden ohnehin bereits häufig geschwächt sind. Der Hirsch ist zwar eine tolle Bereicherung für unsere Fauna, doch wie bei allen Veränderungen verdient auch diese unsere Aufmerksamkeit und ein umsichtiges Management.
Quelle / weitere Informationen:
- R. Graf & C. Fischer (Hrsg.) 2023: Atlas der Säugetiere – Schweiz und Liechtenstein. Schweizerische Gesellschaft für Wildtierbiologie. Haupt Verlag, Bern.
