Aufgrund der intensiven Bejagung waren die Wildschweine zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Schweiz praktisch ausgerottet. Nur vereinzelt drangen Tiere aus Frankreich, Deutschland und Italien in die Schweiz ein. Erst 1970 etablierte sich wieder ein Bestand. Seit 1990 nimmt die Präsenz von Wildschweinen zu, was durch die globale Erwärmung und die häufigere, reichhaltige Fruchtbildung im Wald begünstigt wird. Gleichzeitig erschweren bestimmte Hindernisse wie Autobahnen die Verbreitung dieser Tiere.
Heute sind die Wildschweine in Europa (Sus scrofa) nicht mehr bedroht. Die Populationen werden jedoch auch weiterhin beobachtet, um die Übertragung von Krankheiten wie beispielsweise der Schweinepest zwischen Wildschweinen und Hausschweinen zu verhindern.
Bis zu 160 kg schwer
Mit dem dreieckigen Kopf, dem massiven, kurzen Hals und den kräftigen Beinen ist das Wildschwein wie dafür geschaffen, sich mühelos durch das Dickicht des Waldes zu bewegen. Männliche Vertreter dieses nicht wiederkäuenden Huftiers aus der Familie der Schweine, die sogenannten Keiler, können bis zu 160 kg auf die Waage bringen. Die weiblichen Bachen werden bis zu 100 kg schwer. Das Wildschwein bevorzugt besonders Buchen-, Eichen- und Kastanienwälder. Es lebt in matriarchalisch organisierten Gruppen und gestaltet sein Revier ganz nach seinem Gusto, indem es Pfade (Wildschweinwechsel), Schlammbäder und Ruheplätze anlegt. Erwachsene Keiler hingegen führen ein Einzelgängerleben und schliessen sich den Herden erst während der Brunftzeit an.
Im Alter von etwa sieben bis neun Monaten werden die Tiere geschlechtsreif. Die Paarung findet von November bis Januar statt. Nach einer Tragzeit von 115 Tagen kommen vier bis sechs Frischlinge in einer von der Bache angelegten Mulde, dem sogenannten «Kessel», zur Welt. Jedes Wildschwein-Jungtier hat eine einzigartige Fellfärbung. Die charakteristischen Streifen verblassen nach und nach und werden rötlich-braun. Bei ausgewachsenen Tieren variiert die Fellfarbe dann zwischen cremefarben und schwarz.
Nachtaktiver Bodeningenieur
Als Reaktion auf die Jagd hat das Wildschwein eine nächtliche Lebensweise als Überlebensstrategie entwickelt. Auf der Suche nach Nahrung kann es jede Nacht bis zu fünf Kilometer zurücklegen. Mithilfe seiner Schnauze, mit der es den Boden 20 bis 60 cm tief durchwühlt, sucht es nach Nahrung. Sein Geruchssinn ist noch feiner ausgeprägt als der eines Hundes. Das Wildschwein ist ein Allesfresser, bevorzugt jedoch pflanzliche Nahrung. Im Boden findet es Wurzeln, Eicheln, Bucheckern, Kastanien, Insekten und kleine Nagetiere mitsamt ihren Nestern und Futtervorräten. Indem es den Boden auflockert und belüftet, übernimmt das Wildschwein die Rolle eines Umweltingenieurs.
Darüber hinaus deckt das Wildschwein einen nicht unerheblichen Teil seines Nahrungsbedarfs mit Produkten aus der Landwirtschaft, insbesondere Mais. Maispflanzungen haben für das Huftier einen wertvollen Vorteil: Sie sind eine stabile und nahezu ganzjährige Nahrungsquelle. Das regelmässige Zerstören von Feldern belastet jedoch das Zusammenleben von Wildschwein und Mensch.
Das Durchwühlen verändert die Nährstoffverfügbarkeit im Allgemeinen und beeinflusst die mikrobiellen Gemeinschaften im Boden. Biodiversität und Regenerationsfähigkeit werden gemindert, hingegen werden spezialisierte Pflanzen in frühen Sukzessionsstadien gefördert und die Widerstandsfähigkeit der Flora gestärkt. Zudem fungiert das Wildschwein nachts als wichtiger Verbreiter von Samen – entweder über seinen Kot oder durch Samen, die an seinem Fell haften bleiben. Die Auswirkungen der Wildschweinaktivität sind daher weder ausschliesslich positiv noch ausschliesslich negativ, sondern hängen massgeblich von der Häufigkeit und Intensität des Wühlens ab.
Das Wildschwein in unserer Region
Wildschweine sind im gesamten Parkgebiet anzutreffen, sowohl im dichten Wald als auch am Rande von Ackerflächen. Ihre Spuren sind leicht zu erkennen: Die Fährte zeigt zwei Hauptzehen und dahinter oft zwei kleinere Zehen, die sich als dicke, seitliche Abdrücke abzeichnen. Zudem lassen sie sich durch die Schäden lokalisieren, die sie bei ihrer nächtlichen Nahrungssuche durch Wühlen in landwirtschaftlichen Kulturen anrichten – diese ähneln stark den Spuren von Dachsen.
Quellen
- Graf R. F., Fischer C. et al.: Atlas der Säugetiere – Schweiz und Liechtenstein. Schweizerische Gesellschaft für Wildtierbiologie.
- wls.ch (WildLife Solutions WLS.CH): «Wildschwein». https://wls.ch/sanglier/?lang=de
- Unsere wilden Nachbarn: «Artporträt: Wildschwein». https://www.wildenachbarn.ch/artportraet/wildschwein
- Wirthner S., Frey B., Busse M. D., Schütz M., Risch A. C. (2011): Effects of wild boar (Sus scrofa L.) rooting on the bacterial community structure in mixed-hardwood forest soils in Switzerland. European Journal of Soil Biology 47: 296–303. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1164556311000501
- Wikipedia: «Wildschwein». https://de.wikipedia.org/wiki/Wildschwein
- Stillfried M. et al. (2017): Secrets of Success in a Landscape of Fear: Urban Wild Boar Adjust Risk Perception and Tolerate Disturbance. Frontiers in Ecology and Evolution 5: 157. https://repository.publisso.de/resource/frl%3A6407988
- AFP (2017): How wild boars are thriving in Berlin [Ausführungen von Derk Ehlert, Wildtierexperte der Stadt Berlin]. The Local, 15. Dezember 2017. https://www.thelocal.de/20171215/how-wild-boars-are-thriving-in-berlin
- Infofauna.ch: https://www.infofauna.ch/de/fauna-der-schweiz/70780#gsc.tab=0
